Siehe auch Welches Anti-Mobbing-Training hilft wirklich gegen Mobbing?
Und wenn es sein muss, bezahle ich mit meinem Leben
Unverständlich, diese Überschriften? Mag sein, so wie Mobbing, zumindest oberflächlich betrachtet, oft auch. Lass mich versuchen, etwas Licht in diese manchmal potenziell tödliche Dynamik zu bringen.
Wieso potenziell tödlich? Ich denke, diese Antwort kann ich mir sparen.
Wieso spreche ich hier von Dynamik? Weil es weder ein starres, noch ein mechanistisches Gebilde ist. Sowohl Gemobbter als auch Mobbende nehmen kontinuierlich wechselseitig Maß („calibrated loops“) und lassen über sich ergehen bzw. agieren dementsprechend. Die Transaktionsanalyse bezeichnet diese Dynamik als (psychologisches) Spiel, worauf ich an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingehen möchte.
Zunächst ein reales Beispiel aus meiner Trainerpraxis. Im Rahmen eines Systemischen Selbstbewusstseinstrainings-Wochenendes begegnet mit eine Mitvierzigerin, die ich im Folgenden als Susanne bezeichnen werde.
In der Vorstellungsrunde wirkt Susanne kraftlos und leer. Sie murmelt etwas von „Mobbingopfer sein„. Später, im unmittelbaren Vorgespräch zu ihrer Familienaufstellung, erzählt Sabine, dass sie Lehrerin sei und eine fast erwachsene Tochter habe, die sie alleine erziehe. Bereits in der Schule sei sie gemobbt worden, anschließend im Studium, woran sich auch in ihrer Lehrerlaufbahn nichts geändert habe. Nach jeweils drei bis vier Jahren sei es an der jeweiligen Schule mobbingmäßig für sie so unerträglich geworden, dass sie den Arbeitsplatz, und damit auch den Wohnort, gewechselt habe (und damit ihre Tochter auch den KiGa, später die Schule). Jetzt möchte sie endlich mal seßhaft werden und ihre Ruhe finden.
Ohne jetzt auf die weiteren Details einzugehen liste ich auf, was Susannes aktive Teilnahme an insgesamt zwei Systemischen Wochenenden im Abstand von rund zwei Jahren ans Tageslicht gebracht und verändert haben:
Wochenende 1:
- Susannes (unbewusstes) Lebensskript war: „Ich bin nichts wert“
- Susannes (nicht ganz) unbewusste Strategie: (versteckt) Angriffsfläche zu bieten, um gemobbt zu werden, und dann leiden zu können
- Sekundärgewinn durch das Mobbing:
- kontinuierlicher „Beweis“ dafür, dass ihr Lebensskript „wahr“ ist
- kontinuerlich kraftlos sein, was das Selbstwertgefühl zusätzlich in den Keller schießt und dazu führt, dass sie sozusagen konkruent sagen kann: „Ich bin nichts wert“ (s.o.
- (negative) Aufmerksamkeit [durch den behandelnden Therapeuten, durch manche KollegInnen („Ach, die arme…“)]
- [4 Jahre später zeigte sich, dass Susanne das Mobbing auch (unbewusst) benutzte, um ihre Tochter fest an sich zu binden]
Wochenende 2
Susanne berichtet, dass das Mobbing zwischenzeitlich „aufgehört“ habe für eine längere Zeit, dass es nun aber wieder ähnlich schlimm sei wie zuvor. Sie möchte aber, dass es endlich, endlich aufhört.
Eine jetzt durchgeführte Familienaufstellung zeigt, dass bei ihr eine sogenannte „Nachfolgedynamik“ (noch) aktiv ist in der Ausprägung: „Mama, ich mache es wie du“. [Susannes Mutter ließ ihr Leben lang viel über sich ergehen.]
Zwei Jahre nach dem Wochenende 2 rief mich Susanne an und berichtete mir, dass das Thema Mobbing seither beendet ist. Sie möchte mir aber eine Klientin empfehlen: ihre Tochter…
Bei Susanne’s Tochter genügte ein Wochenende und eine Familienaufstellung: sie folgte ihrer Mutter (im Sinne der oben erwähnten Nachfolgedynamik). Wer hätte das gedacht? 😉
Übrigens begleitete Susanne ihre rund 21 Jahre alte Tochter „vorsichtshalber“ zu diesem Wochenende, und es war ihr recht deutlich anzumerken, dass ein gewisser Teil in ihr nicht wirklich wollte, dass ihre Tochter „komplett mobbingfrei“ wird. Nachdem ich diesen Teil wirkungsvoll adressiert hatte, arbeitete es auch noch einmal intensiv in Susanne…
Solltest du jetzt das eine oder andere Fragezeichen mehr haben als zuvor, kann ich dir versichern, dass es mir ähnlich ergangen wäre, bevor ich anfing, mich intensivst mit sogenannten „systemischen Verstrickungen“ zu befassen. Dieses Post soll jedoch auch keine Ausbildungslektion sein. Falls irgendetwas in dir angestoßen wurde, ist das vielleicht im Sinne dieses Blogposts :-).
Welche Erfahrungen hast du mit Mobbing, oder vielleicht mit dauerhaft wirksamen Mobbing-Lösungen gemacht? Solltest du derzeit Teil einer Mobbing-Dynamik sein, welche „Regeln“ oder Muster kannst du (bereits) erkennen? Schreib’s als Kommentar unter den Artikel – bestimmt sprichst du dem einen oder anderen Leser aus der Seele und kannst vielleicht wirkungsvolle Impulse geben.
Siehe auch Welches Anti-Mobbing-Training hilft wirklich gegen Mobbing?

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